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Und wo ist der Lenker?

Kein Eishockey, kein Feldhockey, nein - Einradhockey ist der neue Trendsport

geschrieben von Franziska Gerstenberg

Was haben Ralf, 42, Konstruktionsleiter in einer Maschinenbaufirma und Olivia, 34, Kinderclown gemeinsam?
Der Boden der Turnhalle glänzt hellblau, der giftig grüne Tennisball hebt sich gut von ihm ab. Olivia flitzt auf ihrem Einrad an mir vorbei, schlägt einen Haken, um Ralf auszuweichen, und schießt den Ball ins Tor. Das Bild der kreuz und quer durch die Halle sausenden EinradfahrerInnen vom "oneleine Hannover"-Team widerspricht im ersten Moment allen Sehgewohnheiten. Wie halten die so lange die Balance?
Beim Einradhockey spielen zwei Teams gegeneinander, jedes Team besteht aus vier Feldspielern und einem Torwart. Verwendet werden Eishockeyschläger, und auch die Tore ähneln Eishockeytoren. Sie stehen ein Stück von der Bande entfernt, so dass sie umfahren werden können. Als Ball dient ein "toter" Tennisball, also einer, der nicht hoch springt.
Ralf prallt mit einem gegnerischen Spieler zusammen und überfährt dessen Schläger, jemand ruft "Sub". Merke: Ein "Sub" ist im Einradhockey ein fieses Foul. Als eine Spielerin eher gehen muss, schwirrt Gelächter durch die Halle. "Wir sind noch zu viert." - "Das heißt, wir müssen mehr Tore schießen."
Ein Einradhockeyspiel dauert zwischen 2x10 und 2x20 Minuten. Das permanente Schleifen der Eishockeyschläger auf dem Hallenboden hält die Spannung. Wenn einer der Einradfahrer stehen bleibt, stützt er sich auf den Schläger und wirkt plötzlich wie unbeteiligt, wie ein Flaneur mit Spazierstock.
Warum um alles in der Welt fährt ein erwachsener Mensch Einrad? Nach dem Training erklärt mir Olivia, Einradfahrer seien Einzelgänger und verspielt. "Und Einradfahren macht süchtig." Sie selbst bestieg ihr erstes Einrad Anfang der 90er. "Damals ", sagt sie, "warst du schon der King, wenn du mal einbeinig gefahren bist." Mittlerweile werden Treppen gesprungen, Geländer gegrindet, es gibt Einradbasketball - und eben Einradhockey. "Der einzige Mannschaftssport, den man noch als Erwachsener angegangen kann", sagt Ralf.
Einradhockey ist mehr als Spaß und Zirkus. Schon seit über zehn Jahren gibt es eine deutsche Einradhockeyliga, die Tabelle wird über Turniere gebildet, am Ende wird zwischen sechs Mannschaften die Meisterschaft ausgetragen. "oneleine Hannover" wurde im vergangenen Jahr deutscher B-Meister. Die Spieler lieben ihre basisdemokratisch organisierte Liga, zu deren Turnieren sich jeder anmelden kann - wodurch man auch mal einer Mannschaft von Zehnjährigen gegenübersteht.
Aber etwas bekannter, schlage ich vor, sollte Einradhockey doch noch werden. Dann kämen auch mehr Zuschauer zu den Turnieren. "Ach nee", sagt Olivia, "bei uns gibt es zu wenig Verletzungen, die wollen lieber Blut sehen."
Einradhockey ist ein ungewöhnlich fairer Sport. Weniger fair sind die Bemerkungen, die die Hannoveraner Spieler tagaus, tagein zu hören bekommen. Wenn sie mit dem Einrad unterm Arm in den Bus einsteigen, oder wenn sie am Maschsee für den Einradmarathon trainieren. "Hast du'n Rad ab? Hat das Geld nicht für'n zweites gereicht?"
Während Olivia mit mir spricht, "pendelt" sie, das heißt, sie hält das Einrad auf der Stelle, indem sie den Reifen leicht bewegt. Ralf will wissen, ob ich noch mit in die Stammkneipe komme, auf eine "Einradfahrerschorle", einem halben Liter Apfelsaftschorle zum Sonderpreis. Und ob ich zu Fuß oder mit dem Rad da bin. Ich werde rot. "Na ja", sage ich leise, "mit zwei Rädern."